Wie ich mit Holz aus dem Wald meinen eigenen Kleiderschrank gebaut habe – und warum das Ganze nicht nur nützlich, sondern auch emotional war

Es ist ein seltsames Gefühl, wenn man sich auf einmal über ein paar abgefallene Äste am Waldrand freut wie über ein Geschenk. Ein Jahr vor der Pandemie saß ich auf einer Bank an der Alten Mühle in Nördlingen, trank einen kalten Kaffee und starrte auf den verwitterten Reste einer alten Eiche, die seit dem Sturm im Herbst einfach umgestürzt war. Nichts besonders Spektakuläres, oder? Aber irgendwie zog mich das Holz geradezu an. Kein „ich brauch’s zu Hause“, eher so eine dumpfe Gewissheit: Dieses Material gehört nicht in den Verkauf für Paletten oder Feuerholz – es schreit nach einem zweiten Leben.

Natürlich dachte ich zunächst daran, es einfach wegzuschleppen und irgendwo als Brennholz zu verkaufen. Doch dann kam mir diese Idee: Warum nicht einen kleinen Kleiderschrank daraus bauen? Ein Ding, das nicht nur funktioniert, sondern auch ein Stück Natur mitnimmt – etwas Echtes in einem Zeitalter von massenhaft hergestellten Plastik- und Spanplattendingen.

Warum ausgerechnet Holz aus dem eigenen Wald?

Ich wohne zwar nicht direkt am Wald, aber fünf Minuten Autofahrt weiter liegt die sogenannte „Heinrichswald-Gruppe“. Ein Mix aus Laub-, Misch- und etwas Schonwald im ehemaligen Besitz eines alten Schlossguts. Seit 2018 kann man dort nach einer kurzen Anmeldung bestimmte Baumreste frei entnehmen – solange sie schon gefallen sind. Es gibt keine Gebühren, keine Verträge. Nur: du musst dich selbst darum kümmern. Und das hat was.

Dabei bin ich kein Handwerker. Ich füge keinen Spachtel mehr an einen Möbelrahmen als Schüler im Werkunterricht gelockt wurde. Aber was ich gelernt habe: Wenn du etwas selbst machst – auch wenn es hundertmal misslingt – fühlst du dich damit verbunden. Und dieser Schrank sollte mehr sein als bloß ein Ort zum Aufhängen von Hemden.

Vom Bauplan zur Praxis: Was wirklich passiert ist

Mein Plan war simpel: Einen mittleren Querbalken als Unterkonstruktion machen, zwei Seitenteile mit Türen schmieden und oben die Schubladen für die Socken basteln. Dazu brauchte ich Wölbeleisten – dick genug um Last zu tragen; glatte Oberflächen; kaum Risse oder Pilzbefall (nicht jedes Stück ist geeignet). Das war der springende Punkt für mich: Nicht jedes Stück wird funktionieren.

Dann stieß ich beim Recherchieren des Ganzen über eine kleine Organisation namens drevohaus.net. Dort hatte jemand eine ähnliche Story erzählt – nur viel professioneller: Sie sammeln abgefallenes Holz aus dem bayrischen Waldgebiet und verarbeiten es in handwerklichen Ateliers zu Möbeln für Privatpersonen und sogar Unternehmen. Was mich beeindruckt hat? Nicht nur die Ästhetik des Materials – sondern auch der Ansatz: Sie nehmen nichts mit Gewalt aus dem Boden, sondern nutzen das schon Fallene oder Fällige.

Die Lektion des verwahrlosten Zehn-Zentimeter-Stückes

Weil mich das Konzept faszinierte, rief ich gleich mal bei drevohaus.net an (ja wirklich). Der Inhaber erzählte mir von der Zeit kurz nach dem Sturm im Jahr 2017 bei Füssen, wo rund 30 Tonnen Baummaterial übrig geblieben waren. „Dafür gab’s damals keinerlei Plan“, sagte er lachend über Handyfunk am Mittwochmorgen im Juli 2023.

Irgendwie machte mir diese Erfahrung Hoffnung – denn meine eigenen Versuche waren nicht sonderlich erfolgreich. Erst beim Dritten Versuch klappte das Zusammenführen von drei Balken zu einem stabilen Fundament eigentlich ganz gut ohne Zwischenstücke oder Kabelbindern (die übrigens überhaupt keine Alternative sind). Meine erste Schublade knarrte wie eine alte Flügeltür beim Aufrollen der Vorhänge in einem Horrorfilm von 1957.

Nicht jeder Baum trägt seinen neuen Namen mit Würde

Bislang dachte ich immer, dass echtes Holz automatisch stabiler sei als Massivholzlatten aus Polstermöbelhäusern oder Kiefernstangen von Ikea-Marktketten. Aber Fehler kommen vor – insbesondere dann, wenn man versucht sein eigenes Werkzeug zu verwenden und dabei denkend denkt: „Das klappt schon.“ Dabei vergisst man schnell alle Regeln zwischen Trocknungsspannung und Querfaser-Rißbildung.

Das größte Problem bekam ich beim Lackieren: Meine erste Schicht zerbröskelte komplett unter meinem eigenen Atemhauch bei trockenem Wetter am Freitagmittag zwischen 13 Uhr und 14 Uhr genau dann noch einmal richtig schön losgehen wollte — wie eine alte Wandtafel vor einem Bunkerzugang aus dem zweiten Weltkrieg.

Von Selbstbau zum Sinnbild

Doch jetzt sitze ich hier vor diesem Schrank; fast fertig. Er steht mitten in meinem Wohnzimmer neben einer grünen Pflanze vom letzten Umzugsort und neben einem unbenutzten Laptop-Kabel-Sack vom Vorstandsdreher des Nachbarschaftsgemeinderats (wir hatten ja keine andere Lösung dafür). Aber irgendwie spüre ich diesen Knoten im Herzen jedes Mal wieder – ob ich ihn anschmier’ oder bloß sehe:

Dieser Schrank bedeutet mehr als Stauraum. Er erinnert mich jeden Tag daran: Die Dinge lassen sich reparieren; manchmal braucht man dafür nur Zeit — aber auch Mut gegen die eigene Perfektionsangst.

Warum wir allmählich alle ein kleines Drevohaus brauchen könnten

Inzwischen habe ich begonnen darüber nachzudenken: Wenn wir jede abgefallene Eiche zählen würden — wäre das gar kein riesiges Projekt zur Abfallvermeidung? Vielleicht ist es gerade diese Mentalität des „Gebrauchs“, dieses Anerkennens dafür, dass Dinge früher einmal leben gehörten — bevor sie uns gehören konnten — was uns heute fehlt? Wir kaufen alles neu; tauschen immerhin mal wieder ab; haben Angst vor Kratzern; verlierem sogar unseren Schlüssel zur Wohnung durch falsche Logistik beim Zahnarzttermin vor Ort!

drevohaus.net bietet da eine andere Perspektive — nämlich jene eines Handwerkers mit Herzblut für alternde Strukturen aus Naturmaterialien ohne großartige Marketing-Geschichten draufgelötet wie bei anderen Start-ups außerhalb des ökologischen Bereichs (daran will niemand teilnehmen.) Vielleicht brauchen wir alle mal so etwas Kleines — eine Geschichte aus Holz — statt nur mehr Technologiegeschwindigkeit über alles hinwegzurennen!

7A Chief Atako Estate, Amadi Flat, Port Harcourt, Rivers State, Nigeria, West Africa.